Alles Verbrecher

 

Gottburg war wieder mit der falschen Seite an die Zapfsäule gefahren, umrundete also den Wagen, entriegelte den Tankdeckel und hielt die Zapfpistole in den Einfüllstutzen.

Erst dann fiel ihm der Preis für einen Liter Diesel ins Auge: 1,56! Alles Verbrecher!, dachte er bei sich. Warum tut keiner was? Nachdem er vollgetankt hatte, schob er die Pistole in ihr Fach zurück, merkte sich die Nummer seiner Zapfstation und machte sich auf, seine Schuld zu begleichen.

»Kommen Sie an Bonn vorbei?« Das Mäd-chen hatte lange, blonde Haare und stand mit einem Rucksack auf dem Rücken direkt vor seinem Wagen, als er das Tankstellengebäude wieder verlassen hatte und sich zur Fahrer-seite begeben wollte.

»Ich fahr nur bis Köln.«

»Macht nichts. Sie können mich irgendwo an der A2 rauslassen.« Sie setzte sich sofort in Bewegung, öffnete die Beifahrertür und warf das Gepäck auf die hintere Sitzbank. Gottburg blieb erstaunt stehen und schaute über das Autodach hinüber zu ihr. Aber sie war schon abgetaucht, saß bereits im Wagen.

Während er sich anschnallte, blickte er ihr ins Gesicht und nahm das Gespräch wieder auf: »Und wenn ich Sie nicht mitnehme? Was dann? Steigen Sie wieder aus?« Er wollte provozierend klingen. Ihr Verhalten passte ihm nicht. Früher, zu der Zeit, als er noch selbst trampte, ging so was gar nicht. Was war los mit der heutigen Jugend?

»Soll ich aussteigen?« Sie betonte das Soll. Er musste sich also entscheiden. Jetzt! Nicht so dumm rumeiern mit seiner Fragerei. Komischer Typ! Sie blieb sitzen.

Statt einer Antwort gab er Gas, schaute in den Rückspiegel, fädelte sich ein und war in wenigen Sekunden auf 150.

 

Sie hatte keine Angst. I wo! In all den Jahren, die sie per Anhalter fuhr, war nie was passiert. Nicht mal Versuche hatte es gegeben. Obwohl sie tadellos aussah. Das wusste sie. Aber man konnte die Männer gut im Zaum halten, wenn man wie ein Kerl auftrat, keine Angst zeigte, nicht auf den Mund gefallen war. Klar! Ein echter Vergewaltiger, der würde sich durch nichts abschrecken lassen. Aber deshalb schaute sie sich die Typen ja genau an vorher. Na ja, so genau es eben ging in der kurzen Zeit, die einem blieb, wenn sie tankten. Eine Garantie war das natürlich nicht.

»Was machen Sie so?« Sie schaute rüber zu ihm und wartete. Aber da kam nichts. Keine Antwort. Keine Reaktion. Blickte nur trotzig geradeaus. Bis sie es aufgab und wieder nach vorn sah. Er war anscheinend beleidigt. Wollte schnell nach Hause zu Mama und ja keinen fremden Frauengeruch im Wagen. Solche Typen mochte sie! Na ja, die A2 war lang. Sie konnte sich bei der nächstbesten Gelegenheit absetzen lassen. Draußen war graue Landschaft. Der Verkehr zäh. Viele Laster. Viel Berufsverkehr. Ab und zu passierten sie Windkrafträder, die ihre schwer-fälligen Rotorblätter gegen Westen streckten, wo der Wind herkam.

»Ich bringe Leute um.«

Der Satz schoss wie ein Blitz in ihr Bewusstsein. Ihre Frage war mindestens fünf Minuten her. Wieso jetzt erst die Antwort? Hatte sie richtig gehört? Sie war versucht nachzuhaken, ließ es aber, starrte weiterhin stur durch die Frontscheibe auf die Rückseite des Vordermanns. Sah jetzt doch nach links. Konnte die Stille nicht ertragen. Fragte nach: »Was machen Sie?« Wieder das erste Wort betont. Als hätte sie die Antwort akustisch nicht verstanden. Wollte beiläufig klingen. Möglichst unbeteiligt. Cool eben. Sie erkannte die leicht hochgezogenen Mundwinkel des Fahrers und den diabolischen Gesichtsausdruck, der ihr einen kalten Schauer über den Rücken jagte.

Als er sie ansah, trafen sich ihre Blicke, und er wiederholte den Satz, den er aussprach wie ein Bäcker, der über die Herstellung seiner Lieblingsbrötchen berichtet. »Ich bringe Leute um.« Und lächelte. Und strahlte. Und war plötzlich ganz mitteilsam.

Sie bekam nichts von dem mit, was er ihr erzählte. Also hatte sie sich nicht verhört. Tatsächlich nicht verhört. Und mit einem Mal spürte sie Angst. Saß sie hier wirklich neben einem Mörder im Auto? Was, wenn sie das nächste Opfer wäre? Sie schluckte, um die Trockenheit im Mund zu beseitigen. Wieder sahen beide nach vorn. Minutenlang. Ohne ein Wort. Der hier hatte ihr den Schneid abgekauft. Wenn sie aus dieser beschissenen Lage heil herauskäme, wollte sie Gott auf den Knien danken. Sie schluckte wieder. Als sie den nächsten Satz sprach, kam ihre Stimme von ganz weit her: »Halten Sie bitte da!« Sie zeigte auf das Schild, das am Rand der Autobahn auf den Parkplatz hinwies.

 

Gottburg bremste, bog ab und hielt hinter einem holländischen Lkw, legte seine rechte Hand auf ihr Knie und sah ihr in die Augen: »Sie müssen sich nicht fürchten. Ich hab Sie angelogen.« Und lachte ein helles, aufrichtiges Lachen, in das sie nach anfänglichem Zögern einstimmte.

Er war wieder solo, sah in den Rückspiegel, fädelte sich ein und war in wenigen Sekunden auf 150. Fünf Kilometer hinter dem Kamener Kreuz verließ er die Autobahn, griff in das Seitenfach seiner Tür, holte einen Schnellhefter hervor und deponierte ihn auf dem Beifahrersitz.

Natürlich war sein Ziel nicht Köln. Es gehörte zu seinem Beruf, so vorsichtig wie möglich zu sein. Zu niemandem ein Sterbenswörtchen oder auch nur eine Andeutung! Er hätte sich in den Hintern beißen können für die Unachtsamkeit mit der Blonden eben. Aber das kommt dabei heraus, wenn man sich ärgert, wenn man für einen kleinen Moment unachtsam wird und die Gelassenheit verliert.

Er griff mit der Rechten den Ordner und knickte mit Zeigefinger und Daumen den Deckel um, legte die Akte auf das Lenkrad und sah sich die erste Seite an. Es ging um die Hausnummer, die ihm entfallen war. Der Turmweg ging rechtwinklig ab. Er fuhr noch einen Kilometer. Dann parkte er den Wagen, legte das Dossier zurück, beugte sich zum Handschuhfach hinüber, öffnete es und entnahm ihm die Pistole.

 

Diese Geschichte ist eine der sieben meiner Kurzgeschichtensammlung Die Pornoqueen von Wanne-Eickel